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Bargeld-Kosten: Kehrseite der deutschen Liebe zu Münze und Schein

Von Paul Berg|2018-12-06T01:27:42+00:006. Dezember 2018|

Die Deutschen bevorzugen Bargeld, obwohl dessen Verwendung teurer ist, als die digitale Bezahlung am Kartenterminal.

Bargeld verursacht eine Reihe von direkten und indirekten Kosten, die nicht vollständig in Rechnungen und Belegen ausgewiesen werden. Laut Statistiken sind diese oftmals ignorierten Kosten höher als diejenigen des digitalen Zahlungsverkehrs.

Die Bedeutung des Bargeldes in Deutschland

In dem Bericht Cashless Cities der Ideenschmiede Roubini ThoughtLab von Visa, der den aktuellen Stand zur Entwicklung des digitalen Zahlungsverkehrs in den wichtigsten Städten der Welt wiedergibt, wird das politische Zentrum Berlin und das Finanzzentrum Frankfurt am Main zu der Gruppe der digital fortgeschrittenen Städte gezählt. Auf einer Skala von 1 bis 5 ist das die zweitbeste Platzierung. Mit in dieser Gruppe finden sich Städte wie Amsterdam, Barcelona, Singapore, Seoul und New York. Digital fortgeschritten bedeutet konkret, dass die digitale Infrastruktur an diesen Orten bereits entwickelt ist, die Bargeldnutzung aber noch immer einen beträchtlichen Anteil am Zahlungsverkehr hat.

Man kann zwar in Deutschland fast überall mit Karte zahlen, dennoch wird dieses Angebot meist erst bei höheren Beträgen genutzt. Laut einer Studie der Deutschen Bundesbank aus dem Jahr 2018 werden in Deutschland Beträge bis 5 € zu 96 % bar bezahlt und Zahlungen bis 50 € größtenteils bar getätigt. Dieses Zahlungsverhalten erklärt sich unter anderem dadurch, dass viele Geschäfte in der Vergangenheit nur dann Kartenzahlungen akzeptiert haben, wenn ein Mindestbetrag von 5, teilweise auch 10 €, überschritten wurde. Die Forderung eines Mindestbetrages für Kartenzahlungen ist zwar heute an den meisten Kassen verschwunden, dennoch scheint sich in den Köpfen der Deutschen zu halten, dass man nur größere Beträge mit Karte zahlt.

In Deutschland gibt es also zum einen eine Tradition, keine Kleinbeträge mit Karte zu bezahlen. Zum anderen möchte eine große Mehrheit der Deutschen auch in Zukunft nicht auf das Bargeld verzichten. Dabei wissen die Wenigsten, wie hoch die tatsächlichen Kosten des Bargeldes sind.

Deutschland im internationalen Vergleich

In einem Bericht der Unternehmensberatung The European House – Ambrosetti, der im Rahmen der Community-Cashless-Society-Plattform 2018 veröffentlicht wurde, belegt Deutschland den 24. Platz innerhalb der EU, wenn es um die Frage der pro Kopf erfolgten bargeldlosen Zahlungen geht. Schlechter schneiden nur Italien, Griechenland, Rumänien und Bulgarien ab.

Auch beim Entwicklungstempo zur Erreichung einer bargeldlosen Gesellschaft bis zum Jahr 2025 landet Deutschland auf den hinteren Rängen. Auf einer Geschwindigkeits-Skala von 0 bis 100 erreicht Deutschland gerade einmal 6,9 Punkte. Schlechter schneidet nur Rumänien mit 5,2 Punkten ab. Den Bestwert mit 100 Punkten erreichen Schweden, Finnland und Dänemark.

Die Bundesbank hat in ihrer Studie allerdings festgestellt, dass sich der Trend zur Ersetzung des Bargeldes durch bargeldlose Zahlungsmethoden seit 2015 wieder beschleunigt hat.

Bargeld ist vor allem in Deutschland beliebter denn je. Allein zwischen 2009 und 2017 ist die Bargeldmenge, die von der Deutschen Bundesbank ausgegeben wurde, von 348 Mrd. € auf 635 Mrd. € gestiegen. Das sind 7,8 % mehr Bargeld pro Jahr, wie die Deutsche Bundesbank in ihrem Monatsbericht März 2018 mitteilt.

Ein Grund für die hohe Nachfrage nach Bargeld sind die Großbanken, die ihr Geld lieber in 500-Euro-Scheinen im Tresor bunkern, statt Strafzinsen für Guthaben bei der Bundesbank zu zahlen. Aber auch die Bürger horten Bargeld in großem Maße. Neben dem Misstrauen in die Banken könnte das Anwachsen der Bargeldbestände auch ein Indiz für einen florierenden Sektor der Schwarzarbeit in Deutschland sein.

Die Kosten des Bargeldes für die Verbraucher

Wenn Verbraucher Münzen oder Banknoten ausgeben oder entgegennehmen, entstehen Kosten. Man kennt das vom Bargeldbezug am Geldautomaten, der nicht immer kostenlos ist. Um Gebühren zu vermeiden, muss man in der Regel die Automaten einer Filiale nutzen, die zur Bank gehört, bei der man sein Konto führt.

Auch Fahrzeiten zum und die Wartezeiten am Geldautomaten oder in der Schlange an der Ladenkasse erhöhen die Kosten; und das nur, weil viele Menschen die Zeitgemäßheit und Effizienz digitaler Medien unterschätzen oder sogar ablehnen.

Die Forscher des Roubini ThoughtLabs gehen davon aus, dass der Verbraucher 32 Stunden im Jahr für bargeldbezogene Aktivitäten aufwenden muss. Durch einen erhöhten Einsatz von digitalen Zahlungsmethoden könnten hier 8 Stunden im Jahr eingespart werden.

Bankgebühren und Wartezeiten sind jedoch nicht die einzigen Faktoren, die Kosten bei der Verwendung von Bargeld verursachen. Daneben gibt es indirekte Verluste wie Diebstahl, Raub und Falschgeld.

Die im Rahmen des Berichts Cashless Cities erfolgte Umfrage des Roubini ThoughtLabs ergab, dass bei 19,4 % der befragten Verbraucher mindestens eine Person im eigenen Haushalt Opfer von Diebstahl oder Raub mit dem daraus resultierenden Verlust von Bargeld geworden ist.

Laut Bundesbank-Studie wollen 88 % der Befragten auch zukünftig mit Bargeld zahlen und lehnen eine Bargeld-Abschaffung oder Einschränkungen bei Barzahlungen ab.

In Stockholm, einer Stadt, die bei der Nutzung digitaler Zahlungsmethoden führt, könnten Verbraucher nach Berechnungen des Roubini ThoughtLabs jährlich 264 Millionen US-Dollar (circa 233 Millionen €) einsparen, wenn alle Nutzer ihr Zahlverhalten digitalisieren würden. Pro Kopf würde die komplette Umstellung auf bargeldlose Zahlung eine Ersparnis von 143 US-Dollar (circa 126 €) bedeuten.

Die Kosten der liquiden Mittel für Unternehmen

Unternehmen und Händler sind, noch mehr als die Verbraucher, einer Reihe von Gebühren ausgesetzt, die im Zusammenhang mit den großen Mengen an Banknoten und Münzen aus dem täglichen Geschäft entstehen.

Zwar fallen zum Zeitpunkt der Vereinnahmung von Bargeld – etwa im Einzelhandel – keine Gebühren an, in der Gesamtschau liegen die Kosten für das Bargeld-Management jedoch bei 7 % des monatlichen Umsatzes. Diese Kosten entstehen etwa im Rahmen von Geschäftsvorgängen mit der Bank, bei der Inanspruchnahme von Transport- und Sicherheitssystemen oder durch Diebstahl, Raub und Fälschung. Damit sind die Bargeld-Kosten höher als die durch digitalisierte Zahlungsmethoden verursachten Kosten etwa bei Kartenzahlungen, die nach den Berechnungen des Roubini ThoughtLab nur 5 % des Umsatzes ausmachen.

Wer die in Deutschland am meisten verwendete Karte, die Debitkarte girocard (früher EC-Karte), entgegennimmt, kann allein bei den Transaktionsgebühren in der Regel fast 2 Prozentpunkte sparen. Denn girocard-Zahlungen verursachen oftmals Gebühren von unter 1 %, während die Entgegennahme von Kreditkartenzahlungen häufig mit um die 3 % zu Buche schlägt.

Wenn Geschäfte ausschließlich Bargeld annehmen, riskieren diese Einnahme-Verluste. Eine Umfrage des Roubini ThoughtLab hat ergeben, dass Verbraucher jeden Monat im Schnitt 73 US-Dollar (circa 64 €) deswegen nicht ausgeben, weil in bestimmten Geschäften kein Kartenterminal vorhanden ist.

Auch Kriminalität ist im Unternehmensbereich ein Kostenfaktor bei der Verwendung von Bargeld. Neben Diebstählen sind hier vor allem die Fälschungen von Bargeld zu nennen. Die Europäische Zentralbank hat in einer Pressemitteilung vom 26. Januar 2018 berichtet, dass sie allein im zweiten Halbjahr 2017 insgesamt 363 000 gefälschte Banknoten aus dem Verkehr gezogen hat. 85 % der Fälschungen betrafen 20- und 50-Euro-Scheine.

Weitere Kosten entstehen bei der Nutzung von Bargeld dadurch, dass Händlern Zeit verloren geht. Die Banknoten und Münzen müssen für den Tagesabschluss gezählt und das Geld bei der Bank eingezahlt werden. Teilweise wollen auch Lieferanten in Bargeld bezahlt werden, was zusätzliche Komplikationen durch die Vorhaltung einer Barkasse erfordert. Nicht zu vernachlässigen sind auch die längeren Warteschlangen vor der Laden-Kasse, die durch die Suche nach Münzen verursacht wird.

Das Forschungsinstitut Roubini TechLab hat die Anzahl der monatlichen Arbeitsstunden für die Bargeld-Verwaltung auf 88 geschätzt, wenn man davon ausgeht, dass der Bargeld-Bereich 45 % aller Zahlungen ausmacht (Bargeld, Schecks und Geldanweisungen). Genauso viel Zeit ist nötig, um die restlichen 55 % der Zahlungen zu verwalten, die digital erfolgen; somit ist die Handhabung des digitalen Zahlungsverkehrs weniger zeitintensiv.

In der bereits jetzt im digitalen Bereich führenden Stadt Stockholm könnten Unternehmen jährlich 3 Milliarden US-Dollar (circa 2,6 Milliarden €) einsparen, wenn sich alle Beteiligten wie 10 % der „digital reifen“ Bevölkerung verhalten würden. Das bedeute im Durchschnitt eine Kostenreduzierung von 5573 US-Dollar (circa 4913 €) pro eine Million Umsatz, die allein durch die Senkung der Bargeld-Verwaltungs-Kosten erreicht werden könnte.

Die Kosten des Bargeldes für den Staat

Wie alle Marktteilnehmer, die gezwungen sind, mit Bargeld zu wirtschaften, haben auch staatliche Einrichtungen unter den Kosten und Unannehmlichkeiten des Bargeldes zu leiden.

Neben den Ausgaben für die Bargeld-Verwaltung trifft den Staat insbesondere die Steuerhinterziehung und das Vorenthalten von Sozialversicherungs-Abgaben, was zum Teil auf die mangelnde Rückverfolgbarkeit von Bargeld-Zahlungen zurückzuführen ist.

Wenn wir über die Kosten für den Staat sprechen, ist darauf hinzuweisen, dass es sich im Grunde auch hier um die Kosten des Bürgers und der Unternehmen handelt: Je mehr für die Verwaltung ausgegeben und durch Steuerhinterziehung sowie Sozialversicherungsbetrug verloren geht, desto höher sind die von Bürgern und Unternehmen geforderten Steuern.